{"id":49,"date":"2026-07-30T14:25:52","date_gmt":"2026-07-30T12:25:52","guid":{"rendered":"https:\/\/text.fm-la.eu\/?p=49"},"modified":"2026-07-30T18:35:15","modified_gmt":"2026-07-30T16:35:15","slug":"munfhygiene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/text.fm-la.eu\/?p=49","title":{"rendered":"Munfhygiene"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h6><em>Du kennst jemand dein ganzes Leben lang, jahrzehntelang, hast gemeinsame Erlebnisse, Erinnerungen, triffst die\/denjenigen zumindest gelegentlich, \u00a0bist mit der\/demjenigen gar eng verwandt. Und dann kommt es zu \u00a0einer Begegnung, welche dich verst\u00f6rt, ratlos, getroffen, gedem\u00fctigt und vielleicht sogar w\u00fctend zur\u00fcckl\u00e4sst: So geschehen Mitte der 2010er Jahre in der Ordination DDr. Sabbas in Waidhofen an der Ybbs und bald danach wie folgt aufgeschrieben; aber lies selbst:<\/em><\/h6>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Ein Hauch von Zahnarzt, der Druck auf den Tu\u0308ro\u0308ffner, leises Surren, die Tu\u0308r rechts neben dem Schalter springt auf, der Hauch wird zum Geruch, zwei Blindensto\u0308cke tasten sich die paar Meter u\u0308ber den hochflorigen Schmutzfa\u0308nger vor, sto\u00dfen auf den Harten Widerstand des Tresens. Freundliche Gru\u00dfworte einer freundlichen Stimme. &#8222;Frau Langmayer, Sie haben heute Termin fu\u0308r die Mundhygiene!&#8220; Die Versicherungskarte wandert u\u0308ber die Theke, Daten werden abgefragt. &#8222;Noch ein bisschen Platz nehmen Bitte, die Kollegin holt sie dann! Soll ich ihnen helfen?&#8220; &#8211; &#8222;Danke, wir finden schon ein Pla\u0308tzchen&#8220;. Zwei Blindensto\u0308cke tasten nach links, bis zu der Wand, an welcher die Erinnerung drei nebeneinander platzierte Stu\u0308hle verortet. &#8222;Ist hier frei bitte?&#8220; Keine Reaktion, also die Sto\u0308cke einsetzen! Erster Stuhl frei! &#8222;Setz du dich gleich da her!&#8220; Beim Zweiten Sessel erspart man sich die Frage, tastet sofort. Widerstand, Beine werden rasch eingezogen. Demnach besetzt. &#8222;Entschuldigen sie bitte, tut mir leid!&#8220; Keine Reaktion. Am dritten Stuhl wieder die Frage: Niemand antwortet, also auch den Stock benutzen. Du\u0308rfte frei sein. Ich setze mich, nehme meinen Rucksack hoch, entnehme daraus ein Desinfektionstuch und reiche dieses an der zwischen uns platzierten Person vorbei an Miriam, begleitet von den Worten &#8222;bitte entschuldigen Sie!&#8220; Auch jetzt: Keine Reaktion.<\/p>\n<p>Nach ein Paar setzen, die Miriam und ich flu\u0308sternd wechseln beschlie\u00dfen wir wohl beide aus dem selben Impuls ab nun zu schweigen. Ein komisches Gefu\u0308hl u\u0308ber jemand hinweg zu flu\u0308stern, der zwischen einem sitzt, den man nicht kennt, der bisher kein Wort gesagt hat und offensichtlich auch nicht vor hat, dies in den na\u0308chsten Minuten zu tun. Wieso sagt der nichts, denke ich, wieso? In mir beginnt es zu rattern: Anfangs nur, um mir die Wartezeit zu vertreiben, dann doch mit wachsendem Interesse und immer an der Grenze dazu, die Person doch anzusprechen: &#8222;Entschuldigen sie bitte, &#8230;.&#8220; Das wohl folgende Schweigen erspare ich mir und tue es lieber nicht. Statt dessen schleichen, kriechen und rasen bald immer mehr vermeintlich logische, teils absurde und schlussendlich die absonderlichsten Vermutungen von wo auch immer her in mein Bewusstsein:<\/p>\n<p>Frau oder Mann, keine Ahnung, erste Versuche, es zu erschnuppern scheitern. Alt oder jung? Eher a\u0308lter! Junge Leute haben meist weniger Beru\u0308hrungsa\u0308ngste mit uns Blinden. Aber wieso sagt die\/der nichtmal einen Ton, wenn man ihn\/sie versehentlich beru\u0308hrt und dafu\u0308r um Verzeihung bittet? Verbittert verhermt, grantig, im Nirgendwo, vielleicht grad zuvor noch von irgendjemandem blo\u0308d angequatscht, nach dem Fru\u0308hstu\u0308ck den Fu\u0308nfer in Mathe von der Tochter pra\u0308sentiert bekommen, anstehende Scheidung, der Partner wieder mal &#8230;. aber es muss ja auch nichts aus dem Privaten Bereich sein: Vielleicht seit Ewigkeiten gemobbt von den Kollegen, den Job vor Jahren mal wegen angeblichen Verfehlungen verloren, und das nie u\u0308berwunden, der Ehepartner schon wieder beruflich erfolgreicher, was weiss ich!<\/p>\n<p>&#8222;So Frau Langmayer, ich hole sie zum Ro\u0308ntgen.&#8220; Die Assistentin fordert Miriam auf, ihren Arm zu fassen: &#8222;Den Blindenstock brauchen wir nicht!&#8220;, meint sie und die beiden entfernen sich. Ich bleibe alleine in der Sesselreihe mit dem ra\u0308tselhaften Wesen zuru\u0308ck. Dieses hat fu\u0308r mich deutlich spu\u0308rbar genau in dem Moment gezuckt, in dem die Zahnarzthelferin Miriam angesprochen hat. Nunmehr sitzt es wieder vo\u0308llig regungslos neben mir.<\/p>\n<p>Mein iPhone verra\u0308t mir, dass ich mittlerweile u\u0308ber zehn Minuten hier bin. Vielleicht weil wir schon eine Zeit lang die Atemluft teilen oder weil wir gerade die Sitzreihe alleine fu\u0308r uns haben, werden meine Vermutungen jetzt ganz perso\u0308nlich, etwas gewagt sogar intim. Und wa\u0308hrend ich mir denke &#8222;ko\u0308nnte doch sein, einfach nur grottenschiach, die Herrschaft, und deshalb schu\u0308chtern&#8220; scha\u0308me ich mich sogleich fu\u0308r mich selbst. Nein, sowas darf man nicht denken, schon gar nicht als Blinder. Vielleicht ist die Person ja selbst ko\u0308rperlich eingeschra\u0308nkt, sinnesbehindert, stumm, taub, oder beides. Mo\u0308glicherweise leidet sie an einer kognitiven oder psychischen Sto\u0308rung, Sozialphobie oder gar an einer Prosopagnosie, sowas soll ja gar nicht so selten sein.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>&#8222;So, ich bring ihnen die Frau Langmayer wieder!&#8220; Miriam setzt sich, wa\u0308hrend die Person, zwischen uns erneut merkbar zuckt.<br \/>\n&#8222;Alles in Ordnung?&#8220; flu\u0308stere ich u\u0308ber den &#8222;Zwischensitzer&#8220; hinweg, was Miriam leise bejaht, und sogleich gehts weiter in meiner Reise ins Innere des Wesens neben mir. Wo war ich, ah ja im physisch-psychischen Intimbereich! Vielleicht ist die Antwort, weshalb die Person nicht spricht, ganz einfach: Ihre Stimme, la\u0308cherlich, komisch, tragisch, piepsend grollend, &#8230; auf jeden Fall ko\u0308nnte sie eine Stimme haben, die jeden der sie ho\u0308rt, versto\u0308rt, belustigt erregt, oder irgendwas dazwischen. Gleich mo\u0308chte ich ihr sagen: &#8222;Das macht ja nix, reden sie ruhig mit uns, schauen sie mich an! ich bin auch nicht grad scho\u0308n und lauf deshalb trotzdem nicht mit einem Sackerl u\u0308berm Kopf durch die Welt!&#8220; Hoppla, jetzt scheinen sich meine Gedanken doch irgendwie verheddert zu haben. Das ist selbst fu\u0308r meinen einfa\u0308ltigen Geist mehr als blo\u0308dsinniger Nonsens. Oder auch nicht:<br \/>\nEs ist ja eventuell das Gegenteil. Mo\u0308glicherweise hat sie nicht Angst davor, dass sie uns peinlich sein ko\u0308nnte. Vielleicht sind wir peinlich fu\u0308r SIE! Ja, dem Gedanken nachzugehen, wu\u0308rde sich wohl lohnen. Tippen auf mein Smartphone gibt mir die Gewissheit, wir sitzen mittlerweile u\u0308ber zwanzig Minuten nebeneinander. Ich probier&#8217;s jetzt doch nochmal, ich will&#8217;s jetzt wirklich wissen! Ich schnuppere nach rechts, so unauffa\u0308llig wie mo\u0308glich:<br \/>\nDem Geruch nach muss es doch eine Frau sein. Obwohl ganz sicher kann man sich ja nie sein, dem Geruch nach. Somit ziehe ich das &#8222;muss&#8220; zuru\u0308ck. Aber die Ho\u0308chstwahrscheinlichkeit lasse ich mir nicht nehmen. Und wa\u0308hrend ich anfange, alle meine bisherigen Urteile und Vermutungen betreffend der Person zwischen Miriam und mir in Frage zu stellen und in Einklang mit der wahrscheinlichen Weiblichkeit jener Person zu bringen,<br \/>\nha\u0308lt eine der immer quirlig gescha\u0308ftigen Assistentinnen kurz inne, wendet ihre Stimme in unsere Richtung: &#8222;Frau Rosita Bohringer Langmeyer Bitte!\u201c Die &#8211; nunmehr also tatsa\u0308chliche &#8211; Frau neben mir erhebt sich sogleich aus ihrem Stuhl und folgt der Zahnarzthelferin.<\/p>\n<p>Seit diesem Moment bedurfte es fu\u0308r mich keinerlei Erkla\u0308rung mehr, wenn Miriam wieder mal keine Lust hatte, an einem Fest ihrer Familie teilzunehmen.<br \/>\nWie soll man in privatem Rahmen, am Gartentisch, auf den Designer-Stu\u0308hlen des Esszimmers oder vielleicht gar Arschbacke an Arschbacke auf fu\u0308rs Fest eigens aufgestellten Bierzeltba\u0308nken sitzend, einer Person begegnen, die sich in der O\u0308ffentlichkeit so verha\u0308lt, wie Miriams Cousine im Wartezimmer des Zahnarztes?<\/p>\n<\/div>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>Gewidmet Frau Christa Rohringer-Fangmeyer BEd<\/em><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du kennst jemand dein ganzes Leben lang, jahrzehntelang, hast gemeinsame Erlebnisse, Erinnerungen, triffst die\/denjenigen zumindest gelegentlich, \u00a0bist mit der\/demjenigen gar eng verwandt. 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