Das ganze Blinde-Leben – Ein Volksschauspiel auf Halber Höhe

Mal ehrlich: Wenn niemals mehr ein Schaßaugada in voller Wucht mit seiner Birne an eine Glasscheibe krachen würde, wäre das Leben nicht mehr lustig! Wenn das wirkliche Leben denn eine Slapstick-Show wäre oder ein billiges Volks-Lustspiel: Über eine Begegnung in Waidhofen an der Ybbs,  im Jahr 2015 und deren Vorgeschichte:

Man trifft ihn auf halber Höhe am Hausberg der Waidhofner. Nur wenige Meter nachdem man den beliebten, bei Waidhofnern beliebten Parkplatz bei der Sattelhütte, auf halber Höhe des Buchenbergs hinter sich gelassen hat, trifft man ihn. Viele Fahrzeuge parken dort, vielleicht auch das Seine? Das eigene nicht. Mangels Lenkerberechtigung, weil zu wenig Sehkraft, weil mangels Mitfahrgelegenheit, weil … weil man es will, weil man es für die einzig richtige Art hält, sich dem Buchenberg zu nähern. ist man wie immer vom „Zu Hause“ mitten in der Stadt auf den Hausberg gewandert, lässt den beliebten, bei Waidhofnern beliebten Parkplatz bei der Sattelhütte auf halber Höhe selbst wie immer unbeparkt, spürt, riecht, passiert jedes, auf halber Höhe zahlreich geparkte Fahrzeug – mit dem Blindenstock den Asphaltrand der Grasbergstraße entlang tastend – lässt alle diese Stinker dann rechts liegen, biegt in den Schotterweg und geht noch ein paar Schritte weiter, Richtung Kapuzinerbrunnen. Und dort trifft man ihn: „Kennst mi?“ Nein, und nicht einmal am folgenden aufgesetzten lauten Lacher erkennt man ihn. Er stellt sich aber gleich darauf selbst als“ Bekannter Waidhofner Volksschauspieler “ vor. Er fände das großartig, wie man das mache! Als Blinder, mit einem Stock den Berg, die Natur ertasten! Großartig! Mit Unbehagen aber doch lässt man sich auf das Gespräch ein. Ja, das sei nur möglich, wenn man die Gegend gut kenne, in der Fremde ginge das gar nicht – sich als Blinder in der Natur so frei zu bewegen, erklärt man. Aber hier am Hausberg der Waidhofner, der also auch der eigene Hausberg sei und den man seit Jahren mehrmals wöchentlich von der Stadt – also von ganz unten her tastend besteige, sei das auch blind machbar, wenngleich mit sehr viel Konzentration verbunden und sehr kräftezehrend.
Ja diese Konzentration! Die kenne er! Wenn er neue Rollen lernen müsse sei das auch so. Alles müsse er dann ausblenden, höchste Konzentration, sehr kräftezehrend! Er verstünde das, meint der beliebte Volksschauspieler. Man wird mit Guten Wünschen und den bereits bekannten aufgesetzten lauten Lacher verabschiedet und ist erleichtert, als sich die Schritte unterstützt von zwei spitzen Stöcken den Schotter stechend, den Boden tretend rasch entfernen.

Eigentlich hat man es sich längst abgewöhnt, solche Begegnungen zu reflektieren. Darüber nachzudenken, wenn sehende meinen, sie würden das verstehen. Verstehen, wie man es schafft, den letzten Rest seines Augenlichts auszubeuten, wie es möglich ist, das von Sehenden Gesehene  zu ergänzen, um den Weg, um sein Leben selbstständig zu finden.
Diesmal lässt man sich den Schotterweg entlang tastend doch wieder mal drauf ein!
Während der beliebte Volksschauspieler alles ausblendet, um seine Rollen zu erlernen, muss der Blinde irgendwie alles einblenden, was ihm seine Augen verheimlichen, um den Weg zu finden, denkt man. Eigentlich das völlige Gegenteil! Da hat der … irgendwas verwechselt! Und dennoch die Frage, woher sollte man den bekannten Waidhofner Volksschauspieler kennen? Ist man ihm schon mal begegnet? Passend Kostümiert als Fortunatus Wurzel, als Menschenfeind, als völlig irren Gast der Pension Schöller – vielleicht sogar als dem Irren mit dem Sprachfehler – oder verkleidet als einer der Sieben Zwerge im Theater des Stadtsaals? Ratlosigkeit bis man, immer dem Forstweg folgend. den sogenannten „Schwammerlplatz“ erreicht. Dann aber doch das „AHA“.
Nicht auf der Bühne, im richtigen Leben ist man ihm schon mal begegnet. Ja, jetzt ganz sicher! Damals, als man während einer privaten Feier mit einem Tablett in der Hand voll gegen die Terrassentüre geknallt ist! Dieser Lacher, dieser aufgesetzte laute Lacher, der einen solange Zorn in jede Pore fahren lies, bis ein anderer Gast den beliebten Volksschauspieler brüsk drauf aufmerksam machte:“Sie können doch keinen Blinden auslachen!“, was den bekannten Volksschauspieler damals durchaus brüskierte, aber seinem lauten Lachen wenigstens ein Ende bereitete.

Die Welt ist keine Bühne, und nicht jeder, der gegen eine Türe läuft, tut das mit Absicht, schon gar nicht mit der Absicht, andere zu erheitern!

Selbst wenn diese Szene nahelegt, der bekannte beliebte Volksschauspieler würde das anders sehen. Als Erklärung liesse man eventuell noch gelten, wenn der beliebte Volksschauspieler irgendwann, vielleicht bestärkt vom lauten Beifall oder durch die Unzahl der Klacköre, zur zugegebener Maßen etwas gewagten Einschätzung gekommen wäre, das ganze Leben sei ein Volksschauspiel. Man stellt sich in dem Moment auch noch vor, er hätte recht! Moment mal!!! Dann sollte man aber schleunigst umdrehen und ihm nach: Er kenne doch sicher die schrille ältere Dame, welche für ihn und die anderen beliebten Volksschauspieler das Volksschauspiel schreibe oder spielbar mache! Und dann könnte er sogar zum Retter der Welt werden, oder, man denkt zuerst mal an sich selbst – mindest den Schmerz des Blinden verhindern, wenn dieser wieder mal mit voller Wucht wo dagegenknallt.  Er möge die Autorin des Volksschauspiels doch bitten, die Bücher für die kommenden Spielzeiten zu adaptieren: Und zwar in der Weise, dass auch Blinde nicht mehr an Glastüren laufen müssten, nur um andere zum lachen zu bringen. Das läge doch in der Feder dieser Dame, Obwohl: Ob dann  das ganze Leben noch ein Schauspiel nach des Volksschauspielers Gusto wäre? Allerdings folgt darauf auch gleich die Ernüchterung. Man würde ihn, der sich längst mit seinen zwei Stöcken raschen Schrittes von  halber Höhe des beliebten Hausbergs der Waidhofner Richtung ganz oben aufgemacht hat, wohl nicht mehr einholen. Und man selbst sollte sich jetzt mit dem einen weißen Stock eher von halber Höhe des Buchenbergs, auf den Weg nach unten machen, in die Stadt. Damit die eigene Kraft und Konzentration nicht schwinden, bevor man das Zu Hause sicher zu Fuß erreicht hat.

Gewidmet Josef „Schnee“ Fangmeyer