Ein Autodepp am Buchenberg

Vor einigen Jahren, wir wohnten noch in Waidhofen an der Ybbs am Fuße des Buchenbergs, las ich in der NÖN Ybbstal Ausgabe die Ankündigung, die Stadt Waidhofen würde einen renommierten Audiokünstler mit der Errichtung einer Sound-Installation am Buchenberg beauftragen. Wir waren damals fast täglich auf diesem Berg, zu allen Tages- und Nachtzeiten – auch um Atmos für Hörspiele aufzunehmen – und wussten darum ganz gut, wie der Berg klingt. Lustiger weise haben wir sogar einmal am Höhenrundweg einen Wandersmann mit Stöcken  getroffen, der in seiner Einfältigkeit in zwei Sätzen Preis gab, weshalb es sogar ganz oben am Berg so klingt, wie es klingt! Ich fühlte mich nach der Lektüre des Artikels vom 3. April 2019 berufen, dem zu beauftragenden renommierten Soundbastler Richard Eigner einen Brief zu schreiben. Obs mit dem Kunstwerk was wurde? Weiss nicht, wir sind dann ja aus familieren Gründen aus Waidhofen weggezogen. Habe den Brief aber noch, lies mal, wie man sich selbst als Depp entlarven kann:

Waidhofen an der Ybbs, 4.4.2019

Lieber Herr Eigner!

So, nun habe ich gerade in der Online Ausgabe der NÖN Ybbstal gelesen, dass Sie die Stadt Waidhofen (oder auch jemand anderer. man erfährt das nicht so genau) beauftragt hat, den Wald des Buchenbergs – Zitat „künstlerisch in Szene zu Setzen“, und dass Sie diesen Auftrag also so erfüllen werden, indem Sie – Zitat „Sounds des Waldes einfangen“ und diese mittels „Hörsesseln“ zu Gehör bringen werden.
Es liegt mir fern, dieses Vorhaben zu bewerten, zu kritisieren oder auch nur zu kommentieren.
Dennoch kann ich, der ich im Schatten des Buchenbergs lebe, Ihnen, der Sie selbigen also in vorrangig akustischer Form in Szene setzen werden, folgende zwei Begebenheiten nicht vorenthalten.

1. Vor ein paar Jahren brauchte ich Wald-Atmos für ein Hörspiel. Ich nahm also mein Fieldrecording-Köfferchen und machte mich auf in den Wald des Buchenbergs. Das war naheliegend, da dieser reichlich 50 Meter hinter meinem Wohnhaus liegt.
Jetzt kommt etwas, das Ihnen als erfahrenem Fieldrecorder bekannt sein wird: Zivilisationslärm, vorwiegend Verkehrslärm auf allen Aufnahmen. Und so sehr ich mich bemühte, ein ruhiges Plätzchen im Naturpark Buchenberg zu finden: WALDSTILLE – unauffindbar, nicht am Nordhang, nicht am Südhang, nicht im Vogelsang, nicht am Fuchsbichl, nicht in der Rehsulz und nicht an der Oberen Kapelle. Mag sein, dass dieser Umstand auch topografischen Gegebenheiten geschuldet ist. Dennoch gibt es natürlich immer Verursacher für Zivilisationslärm – also Menschen, also Verkehr …

2. Es war am Höhenrundweg beim Jubiläumsbrunnen, als jemand vor mir seinen doppelstockunterstützten Wanderschritt unterbrach und mich ansprach. Was ich da täte mit meinem Mikrophon, fragte er um mir noch bevor ich antwortete seinerseits mitzuteilen, ruhig sei es hier. Er würde ja mit dem Auto bis zur Sattelhütte herauf fahren, um hier heroben die Ruhe zu genießen. Und als ich ihn fragte, weshalb er nicht von unten herauf zu Fuß ginge, meinte er, unten sei es ihm zu laut, „zu viel Verkehr in der Stadt!“

Was das nun für Ihre Arbeit am Buchenberg bedeuten könnte? Das zu beurteilen, obliegt mir nicht.
Ich würde mir wünschen, dass man die Menschen dazu animiert, zu hören was IST, und nicht zu hören, was einen reduziert-idealisierten akustischen Eindruck dessen, was sie sehen, wiedergibt,
An jedem versteckten Plätzchen des Buchenbergs ist er zu HÖREN, der Mobilitätswahnsinn, auch dort, wo nur Bäume zu SEHEN sind.
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Es ist ein Paradox in sich, wenn jemand mit dem Auto zur Sattelhütte bis auf halbe Höhe des Buchenbergs fährt, um dem Verkehrslärm zu entkommen, also das wovor er flieht auf seiner Flucht selbst schafft.
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Ich, der ich im Schatten des Buchenbergs lebe, erlaube mir, Ihnen, der Sie demnächst „Sounds des Waldes einfangen“ und den Buchenberg mit „Hörsesseln künstlerisch in Szene setzen“ werden, diese Erkenntnis mit auf den Weg zu geben, ganz konkret mit auf die Autofahrt über die Franz-Josef-Kohout-Straße zur Sattelhütte, auf halber Höhe des Buchenbergs, oder bis zum Untergrasberg, auf drei Viertel Höhe des selben. Warum? Ich nehme an, sie werden diese Strecke demnächst des Öfteren befahren, was der Wald ganz bestimmt hören wird, und was auch mir wahrscheinlich akustisch nicht verborgen bleiben wird.

Abschließend, erspare ich mir und Ihnen einiges, indem ich ihnen mitteile, dass ich auf einen weiteren Dialog verzichte.
Ich danke Ihnen aber aufrichtig dafür, dass Sie meinen Ausführungen bis hier her gefolgt sind.
und wünsche gutes Gelingen!

Mit großem Respekt für Ihre Kunst!

Gewidmet: Josef „Schnee“ Fangmeyer, Volksschauspieler in Ruhe