Du kennst jemand dein ganzes Leben lang, jahrzehntelang, hast gemeinsame Erlebnisse, Erinnerungen, triffst die/denjenigen zumindest gelegentlich, bist mit der/demjenigen gar eng verwandt. Und dann kommt es zu einer Begegnung, welche dich verstört, ratlos, getroffen, gedemütigt und vielleicht sogar wütend zurücklässt: So geschehen Mitte der 2010er Jahre in der Ordination DDr. Sabbas in Waidhofen an der Ybbs und bald danach wie folgt aufgeschrieben; aber lies selbst:
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Ein Hauch von Zahnarzt, der Druck auf den Türöffner, leises Surren, die Tür rechts neben dem Schalter springt auf, der Hauch wird zum Geruch, zwei Blindenstöcke tasten sich die paar Meter über den hochflorigen Schmutzfänger vor, stoßen auf den Harten Widerstand des Tresens. Freundliche Grußworte einer freundlichen Stimme. „Frau Langmayer, Sie haben heute Termin für die Mundhygiene!“ Die Versicherungskarte wandert über die Theke, Daten werden abgefragt. „Noch ein bisschen Platz nehmen Bitte, die Kollegin holt sie dann! Soll ich ihnen helfen?“ – „Danke, wir finden schon ein Plätzchen“. Zwei Blindenstöcke tasten nach links, bis zu der Wand, an welcher die Erinnerung drei nebeneinander platzierte Stühle verortet. „Ist hier frei bitte?“ Keine Reaktion, also die Stöcke einsetzen! Erster Stuhl frei! „Setz du dich gleich da her!“ Beim Zweiten Sessel erspart man sich die Frage, tastet sofort. Widerstand, Beine werden rasch eingezogen. Demnach besetzt. „Entschuldigen sie bitte, tut mir leid!“ Keine Reaktion. Am dritten Stuhl wieder die Frage: Niemand antwortet, also auch den Stock benutzen. Dürfte frei sein. Ich setze mich, nehme meinen Rucksack hoch, entnehme daraus ein Desinfektionstuch und reiche dieses an der zwischen uns platzierten Person vorbei an Miriam, begleitet von den Worten „bitte entschuldigen Sie!“ Auch jetzt: Keine Reaktion.
Nach ein Paar setzen, die Miriam und ich flüsternd wechseln beschließen wir wohl beide aus dem selben Impuls ab nun zu schweigen. Ein komisches Gefühl über jemand hinweg zu flüstern, der zwischen einem sitzt, den man nicht kennt, der bisher kein Wort gesagt hat und offensichtlich auch nicht vor hat, dies in den nächsten Minuten zu tun. Wieso sagt der nichts, denke ich, wieso? In mir beginnt es zu rattern: Anfangs nur, um mir die Wartezeit zu vertreiben, dann doch mit wachsendem Interesse und immer an der Grenze dazu, die Person doch anzusprechen: „Entschuldigen sie bitte, ….“ Das wohl folgende Schweigen erspare ich mir und tue es lieber nicht. Statt dessen schleichen, kriechen und rasen bald immer mehr vermeintlich logische, teils absurde und schlussendlich die absonderlichsten Vermutungen von wo auch immer her in mein Bewusstsein:
Frau oder Mann, keine Ahnung, erste Versuche, es zu erschnuppern scheitern. Alt oder jung? Eher älter! Junge Leute haben meist weniger Berührungsängste mit uns Blinden. Aber wieso sagt die/der nichtmal einen Ton, wenn man ihn/sie versehentlich berührt und dafür um Verzeihung bittet? Verbittert verhermt, grantig, im Nirgendwo, vielleicht grad zuvor noch von irgendjemandem blöd angequatscht, nach dem Frühstück den Fünfer in Mathe von der Tochter präsentiert bekommen, anstehende Scheidung, der Partner wieder mal …. aber es muss ja auch nichts aus dem Privaten Bereich sein: Vielleicht seit Ewigkeiten gemobbt von den Kollegen, den Job vor Jahren mal wegen angeblichen Verfehlungen verloren, und das nie überwunden, der Ehepartner schon wieder beruflich erfolgreicher, was weiss ich!
„So Frau Langmayer, ich hole sie zum Röntgen.“ Die Assistentin fordert Miriam auf, ihren Arm zu fassen: „Den Blindenstock brauchen wir nicht!“, meint sie und die beiden entfernen sich. Ich bleibe alleine in der Sesselreihe mit dem rätselhaften Wesen zurück. Dieses hat für mich deutlich spürbar genau in dem Moment gezuckt, in dem die Zahnarzthelferin Miriam angesprochen hat. Nunmehr sitzt es wieder völlig regungslos neben mir.
Mein iPhone verrät mir, dass ich mittlerweile über zehn Minuten hier bin. Vielleicht weil wir schon eine Zeit lang die Atemluft teilen oder weil wir gerade die Sitzreihe alleine für uns haben, werden meine Vermutungen jetzt ganz persönlich, etwas gewagt sogar intim. Und während ich mir denke „könnte doch sein, einfach nur grottenschiach, die Herrschaft, und deshalb schüchtern“ schäme ich mich sogleich für mich selbst. Nein, sowas darf man nicht denken, schon gar nicht als Blinder. Vielleicht ist die Person ja selbst körperlich eingeschränkt, sinnesbehindert, stumm, taub, oder beides. Möglicherweise leidet sie an einer kognitiven oder psychischen Störung, Sozialphobie oder gar an einer Prosopagnosie, sowas soll ja gar nicht so selten sein.
„So, ich bring ihnen die Frau Langmayer wieder!“ Miriam setzt sich, während die Person, zwischen uns erneut merkbar zuckt.
„Alles in Ordnung?“ flüstere ich über den „Zwischensitzer“ hinweg, was Miriam leise bejaht, und sogleich gehts weiter in meiner Reise ins Innere des Wesens neben mir. Wo war ich, ah ja im physisch-psychischen Intimbereich! Vielleicht ist die Antwort, weshalb die Person nicht spricht, ganz einfach: Ihre Stimme, lächerlich, komisch, tragisch, piepsend grollend, … auf jeden Fall könnte sie eine Stimme haben, die jeden der sie hört, verstört, belustigt erregt, oder irgendwas dazwischen. Gleich möchte ich ihr sagen: „Das macht ja nix, reden sie ruhig mit uns, schauen sie mich an! ich bin auch nicht grad schön und lauf deshalb trotzdem nicht mit einem Sackerl überm Kopf durch die Welt!“ Hoppla, jetzt scheinen sich meine Gedanken doch irgendwie verheddert zu haben. Das ist selbst für meinen einfältigen Geist mehr als blödsinniger Nonsens. Oder auch nicht:
Es ist ja eventuell das Gegenteil. Möglicherweise hat sie nicht Angst davor, dass sie uns peinlich sein könnte. Vielleicht sind wir peinlich für SIE! Ja, dem Gedanken nachzugehen, würde sich wohl lohnen. Tippen auf mein Smartphone gibt mir die Gewissheit, wir sitzen mittlerweile über zwanzig Minuten nebeneinander. Ich probier’s jetzt doch nochmal, ich will’s jetzt wirklich wissen! Ich schnuppere nach rechts, so unauffällig wie möglich:
Dem Geruch nach muss es doch eine Frau sein. Obwohl ganz sicher kann man sich ja nie sein, dem Geruch nach. Somit ziehe ich das „muss“ zurück. Aber die Höchstwahrscheinlichkeit lasse ich mir nicht nehmen. Und während ich anfange, alle meine bisherigen Urteile und Vermutungen betreffend der Person zwischen Miriam und mir in Frage zu stellen und in Einklang mit der wahrscheinlichen Weiblichkeit jener Person zu bringen,
hält eine der immer quirlig geschäftigen Assistentinnen kurz inne, wendet ihre Stimme in unsere Richtung: „Frau Rosita Bohringer Langmeyer Bitte!“ Die – nunmehr also tatsächliche – Frau neben mir erhebt sich sogleich aus ihrem Stuhl und folgt der Zahnarzthelferin.
Seit diesem Moment bedurfte es für mich keinerlei Erklärung mehr, wenn Miriam wieder mal keine Lust hatte, an einem Fest ihrer Familie teilzunehmen.
Wie soll man in privatem Rahmen, am Gartentisch, auf den Designer-Stühlen des Esszimmers oder vielleicht gar Arschbacke an Arschbacke auf fürs Fest eigens aufgestellten Bierzeltbänken sitzend, einer Person begegnen, die sich in der Öffentlichkeit so verhält, wie Miriams Cousine im Wartezimmer des Zahnarztes?
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Gewidmet Frau Christa Rohringer-Fangmeyer BEd