Für mich, der ich seit meiner Geburt mit einer „Sinnesbehinderung“ lebe, ist es jedesmal schwer zu ertragen, wenn irgendwer ebendiese schamlos ausnützt. Wenn das aber durch die nächsten Angehörigen passiert, und zwar in einer Art und Weise, die dem „Behinderten“ alle Rechte, selbst die aufs „ich“ nimmt, und das noch in einer – harmlos ausgedrückt – bis zur Verhöhnung gesteigerten Hinterfotzigkeit, ist das für mich UNERTRÄGLICH. Ich fand das damals zum kotzen und finde es auch heute noch zum Kotzen.
Der Text war als „Denkanstoß“ und auf jeden fall auch in großer Wut an die Verantwortlichen appellierend geschrieben. Geändert an der Haltung der Familie gegenüber Menschen mit Behinderung (selbst den eigenen „schaßaugadn Familienmitgliedern“ gegenüber) hats leider nichts. Aber mach dir selbst ein Bild. Hier der Text aus dem Juni 2017:
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Von einer Wunderfotografie soll hier die Rede sein. Von einem Bild, auf dem mehrere Personen zu erkennen sind. Aber eine der Personen verschwindet von diesem Foto, je nach dem, wer dieses Bild gerade betrachtet.
Mehr als rätselhaft, eher völlig unglaubwürdig schien mir die Geschichte des Wunderbildes, als er sie mir vor zwei oder drei Jahren in der Pause eines Konzerts der Biermösl Blasn im hiesigen Stadtsaal das erste mal erzählt hatte: Fünf oder sechs Menschen als Familie angeordnet befinden sich auf dem Bildnis. Genau weiß er es nicht, weil man es auch gar nicht wirklich wissen könne. Angeblich sei auch er auf dem Foto. Aber er selbst hat sich noch nie darauf gesehen. Wenn nun ein Nachbar vor
das Familienfoto tritt und zuerst das Bild, dann ihn ansieht, ja dann wäre sein Urteil Eindeutig. Ja, sechs Personen seien auf dem Foto. Und er? Ja, er sei auch dabei! Wenn seine Eltern und Geschwister vor dem Foto stehen, dann verschwindet er sofort von demselben. Und dann wurde es noch verwirrender: Wenn nun seine Eltern gemeinsam mit jenem Nachbarn, der ihn gerade noch auf dem edel gerahmten Bild erkannt hat, das Foto betrachten: Sofort sei er weg! Keine spur von ihm auf dem Gruppenbild.
„Verwirrend, unglaubwürdig, nicht nachvollziehbar“, denken sie? Ich dachte das auch. Und dennoch werde ich im Folgenden versuchen, die Geschichte dieses Wunderbildes schlüssig darzulegen. Davor erlaube ich mir aber noch, sie, werte Leserin, werter Leser, um Verständnis dafür zu bitten, dass ich einige der absurdesten Aspekte dieser Geschichte verschweige. Obwohl für mich mittlerweile absolut zweifelsfrei erwiesen, würden manche Details der hier zu Schildernden Tatsachen der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte eher schaden und sie werte Leserin, werten Leser in noch größerer Ratlosigkeit oder Entrüstung zurücklassen, als dies ohnehin der Fall sein wird.
Und nun machen sie sich selbst ein Bild:
1.Die Menschen setzen
Prämisse: —
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.
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UN Resolution 217 A (III) vom 10.12.1948
2.den Blinden
„Ich möchte das nicht!“, sagte er. „Lass das bitte!“ oder „Mach das nicht, sonst wirst du …“. Er hat auch mal laut geschrien. „Nein!“, hat er gerufen. Fast drohend oder Angst machend war das für sie.
Immer häufiger wollte er etwas nicht, wollte nicht, wovon sie überzeugt waren. „Es ist gut für ihn“, dachten sie, „Das ist doch richtig so.“ Was sie belustigte, wollte er immer öfter nicht. Was sie erfreute verneinte er mehr und mehr. Jedesmal, wenn er das „Beste für Ihn“ ablehnte, standen sie vor der Entscheidung: „Lassen wir’s oder machen wir’s und sorgen dafür, dass er’s nicht erfährt?“
Das eine mal hat er es sogar abgelehnt, mit auf das Familienfoto geknipst zu werden. Seine Gründe dafür? Unerfindlich, unerklärlich absurd, „Was weis ich?“, „Was der schon wieder hat?“
„Egal“, dachten sie „Kopieren wir ihn eben drauf aufs Foto“, dachten sie, „Wir haben da noch ein älteres Bildchen!“, dachten sie. „Die moderne Technik macht’s möglich“, wussten sie, und „Der sieht das Foto sowieso nicht, weil er blind ist!“, wussten sie auch. Zu ihm sagten sie: „Na gut dann halt nicht!“
3.ins Bild
Edler Rahmen umschließt das Familienfoto. Gleich gegenüber der Eingangstür wird es in einem beinahe feierlichen Akt, die gesamte Familie hat sich zu diesem Anlass auf Geheiß der Mutter im Flur versammelt, an der Wand befestigt.
„Du wolltest ja nicht drauf!“, sagen sie. Erleichtert nimmt er diesen Satz wahr. „Hier sieht es jeder, der in unser Haus kommt!“ meinen sie. Dieser Satz lässt seine Erleichterung wieder verfliegen. „Ich bin nicht jeder“, denkt er und fasst seinen weißen Stock fester.
Das „Dingdengdongdidong“ der Türglocke unterbricht die Zeremonie.
„Das ist das neue Familienfoto!“, meint Frau Polatz noch bevor sie alle mit nachbarschaftlichem Händedruck begrüßt. „Sehr schön, und die ganze Familie ist drauf, der Opa, die Eltern und alle drei Kinder! Schau da ist ja sogar der …“. Einem dumpfen Schlag und allgemeinem Raunen folgend setzt die Nachbarin den Satz erst stockend, dann stotternd fort: „… Ah, eh, hm, nein da hab ich mich wohl verschaut. Das ist ja gar nicht der …“. Das verlegene, gezwungene Lachen von Frau Polatz nimmt er nur noch von Weitem war. Im selben Moment, in dem er nicht weis, ob er laut „Nein“ schreien muss, oder ob er sie wieder einmal bitten soll, sowas doch nicht zu tun, springt sein Geist ins damals. Vor ihm stehen die beiden Burschen. Direkt vor ihm beschließen sie lautstark: „He, den Blinden legen wir jetzt!!“ Er muss gar nicht hinhören. Sie besiegeln
sein Schicksal unüberhörbar. Es ist unausweichlich. Er weis nicht: „Soll ich jetzt laut Nein schreien, oder He Buaschn, lossts des bitte sagen?“ Er kracht mit dem Kinn zuerst auf die Pflastersteine vor dem kleinstädtischen Rathaus. „Host des eh alles drauf?“, hört er den mit der tieferen Stimme sagen.
Während dessen erlöst ihn der verabschiedende Händedruck von Frau Polatz aus dieser Qual, wirft ihn aber zugleich in den unvergleichlich größeren Schmerz zurück.
„Lasst das bitte!“ oder „Wenn ihr dass nochmal, dann …“, möchte er zu ihnen sagen. Und sie stünden wieder vor der Entscheidung: „Wir lassen es, weil er es nicht will!“ oder „Wir machen es und sorgen dafür, dass er es nie erfährt! Er sieht ja eh nix!“
Diesmal sagt er aber nichts, schreit auch nicht. Er kennt ihre Entscheidung schon. Statt dessen umfasst er seinen weißen Stock noch etwas enger und tastet sich über die Schwelle der Eingangstüre ins Freie.
„Wegen mir muss die Nachbarin jetzt jedesmal Lügen, wenn sie unser Haus betritt“, denkt er und „Das will ich nicht“, denkt er und „Das kann nicht mehr mein Zu Hause sein!“, denkt er und geht.
4.der Anderen.
„Herta hat auch für dich eine Einladung da gelassen.“ und „Aber du wirst ja eh nicht mit gehen wollen!“, haben sie zu ihm gesagt.
Er nimmt das feste, leicht geriffelte Papier aus dem Flachbettscanner. Mit „Ich freue mich auf Eueren Besuch!“ hatte Frau Polatz die Einladung zu Ihrer 60er Feier enden lassen. „Lieber wäre mir gewesen, sie hätte es mir persönlich gesagt!“, wünscht er sich. „Aber die moderne Technik macht’s möglich.“ Die Computerstimme, welche ihm die Einladung vorgelesen hat, erinnert ihn jetzt sogar ein wenig an den Klang der Nachbarin, dieses Überdeutliche und das nicht zu hörende aber doch zu ahnende Näseln, speziell in den Stimmsenkungen, „Verblüffend!“, meint er.
Es ist über dreißig Jahre her, aber das erste gemeinsame Erlebnis mit der Nachbarin vergisst er nicht. Oft genug haben sie es ihm geschildert. Auf dem Töpfchen sei er gesessen, im Alter von zweieinhalb Jahren sei er noch in der Küche auf dem grünen Töpfchen gesessen, als es am Fenster klopfte, sie hätten dieses sogleich geöffnet, und die in den Senkungen leicht näselnde Stimme hätte hereingerufen: „Hallo, ich bin die neue Nachbarin, Mein name ist Polatz.“
„Popolatz popo popo popolatz“ hätte er auf dem mint- grünen Topf sitzend infantil grinsend gebrabbelt. Lauter, immer lauter und nachdrücklicher, er hätte gar nicht mehr aufgehört „popo popo popolatz“ zu schreien. Mein Gott sei ihnen das peinlich gewesen, bis heute sei ihnen das peinlich!
Die Nachbarin hat das wahrscheinlich bald vergessen. Oder sie hatte ihm diese „Verunglimpfung“ nicht so übel genommen, wie sie es taten. Sonst hätte ihn Frau Polatz
als Kind nicht häufig in ihren Garten gebeten, hätte ihm nicht verschiedenste Früchte aus eigenem Anbau kredenzt. Sie hätte ihm bestimmt keine Grußkarte zur bestandenen Matura geschickt. Auf keinen Fall hätte sie ihn sonst im Krankenhaus besucht, damals als mit ihm gar nichts mehr anzufangen war, als er nur noch zwischen Heulkrämpfen und Wut vegetierte, weil er dabei war, den letzten Rest seiner Sehkraft zu verlieren.
„Hingehen werde ich nicht, nein!“, sagt er und weis auch warum. Das Familienfoto hängt noch immer im Flur, und er will nicht, dass andere wegen ihm lügen müssen. „Besorgt bitte eine Grußkarte und ich unterschreib dann!“, bittet er und „Wieviel gibt man rein, damit’s nicht peinlich wirkt?“, möchte er wissen.
Ob er nicht doch mitkommen wolle, fragen sie, Geschenke, teueren Wein und die Grußkarte in Händen. „Gute Unterhaltung!“, antwortet er und entlässt sie an der Haustüre in den Garten. Er schließt die Tür hinter ihnen, dreht den Schlüssel diesmal sogar dreimal um, wendet sich zur Wand gegenüber, tastet suchend, streicht mit dem rechten Zeigefinger über den edlen Rahmen des Familienfotos, möchte es am liebsten … um wieder an einen Funken ihrer Loyalität glauben zu können, macht es auch heute nicht formuliert seine Hoffnung, spricht sie laut aus, schreit sie eher: „Wenn an diesem Abend jemand wegen mir lügen muss, werde ich es nie, nie erfahren, bitte!“
5.Epilog
Lieber als er selbst, ist ihnen schon lange das Bild von ihm, weiß er. Und er weiß auch, dass sie lieber ihr Bild von ihm unter die Leute bringen wollen, als ihn selbst. Ist einfacher, ist weniger anstrengend, ist nicht andauernd „Was hat der den jetzt schon wieder?“ oder „Was haben wir wieder falsch gemacht?“
Er versteht das! Was er aber nicht versteht und auch nie verstehen möchte ist das „Der merkt das eh nicht!“, denn das missachtet seine Würde und das „Der sieht das eh nicht!“, denn damit nutzen sie seine Behinderung schamlos aus. Das macht ihn traurig und füllt seine für ihn wertlosen Augen regelmäßig mit Tränen und macht sein für sie wertloses ich jedesmal noch ein Stück kleiner.
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… in der Erkenntnis, dass das Verständnis von Behinderung sich ständig weiterentwickelt und dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern,
Aus der Präambel des „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ – Fakultativprotokoll 13.12.2006
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p.s.
Was jetzt noch zu sagen wäre, liebe Leserin/lieber Leser:
Natürlich habe ich ihm die naheliegendste Frage gestellt, hätte er sie denn nie gebeten, das Foto wieder abzunehmen? „Nein“ hat er geantwortet. „Vielleicht hätten sie mir das sogar versprochen, aber hätte ich es auch geglaubt? Und wen hätte ich denn fragen sollen, ob es auch stimmt? Die Nachbarn? Die Familie? Dann wäre wahrscheinlich gleich das gesamte Bild da oder weg gewesen, je nach dem, wer es gerade betrachtet hätte.“ Diese Erklärung hat mich sogleich auf die schwerwiegendste Frage geführt, die die Geschichte vom Wunderfoto aufgeworfen hat: Wem er denn noch vertraue oder Glaube, habe ich ihn gefragt. Die Antwort blieb er mir schuldig.
Anm: Im Epilog des gesamten Blogs habe ich mich nochmals mit Fragen, die dieses Wunderfoto auslöst, nämlich dem „Wie kanns in so einer Familie weitergehen?“ befasst. Hier die entsprechende Textpassage:
Zum Familienfoto hätte ich noch eine Frage, eher eine Bitte:
Vielleicht können wir uns zumindest diesbezüglich absprechen. Ich weiß nicht, ob du den Text. Der sieht das eh nicht gelesen hast? Ist aber auch gar nicht so wichtig. Du weißt welches Foto ich meine, das wo wir ihn draufkopiert haben.
Wegen besagtem Foto liegt der mir ständig in den Ohren. Ich halt das bald nicht mehr aus. Und damit ich endlich Ruhe habe, wäre mein Vorschlag:
Wir sagen ihm, das war alles nur ein Mißverständnis.
Wir sagen ihm, er ist gar nicht zu sehen auf dem Foto und zwar wirklich nicht. Dann können wir ihm auch sagen, er bilde sich nur ein, wir hätten alle möglichen Leute angewiesen, ihn auf dem Foto nicht zu sehen. Und außerdem könnte ich ihn endlich davon abbringen, zu meinen, die Vorgänge um dieses Foto seien ein symptomatisches Bild für das Verhältnis seiner Familie zu ihm. Diese Manipulationen würden ihm seinen Platz in der Verwandtschaft zuweisen, nämlich dem des „letztem behinderten Trottels, mit dem man alles machen könne, der merke das eh nicht.“
Das musst Du Dir mal vorstellen: Mir gegenüber behauptet der ständig diese Geschichte mit dem Familienfoto würde sich in den Schwanz beißen. Wenn er sich sicher sein könnte, seine Familie würde nicht ständig zu solchen entwürdigenden Methoden greifen, hätte er sich ohne weiteres fotografieren lassen. Ja, er wäre sogar stolz drauf gewesen, behauptet er. Aber der behauptet viel. Einmal wollte er mir sogar weismachen, eines seiner Geschwister hätte ihm vorgeworfen, er würde seine Eltern bevormunden, ihm, den man mit über 40 Jahren nicht einmal zugesteht, zu wissen, ob er auf einem Foto zu sehen ist oder nicht, werfe man das vor und jedes mal, wenn er dran denken würde geriete er in Rage.
Du weißt ja wie das ist, der regt sich ständig auf, was der sich immer aufregt, wegen nix und wiedernix.
Und drum: Diesmal müssen wir aufpassen und konsequenter sein, als wir es bisher waren, damit der sichnicht wieder so aufregt! Wir müssen dafür sorgen, dass alle die auf dem Foto zu sehen sind, wieviele sind das wohl, auf seine Nachfrage behaupten, er sei nicht drauf. Und wir müssen dafür sorgen, dass für alle, die dieses Foto jemals gesehen haben oder noch sehen werden, wieviele sind das wohl, das Gleiche gilt.
Auf keinen Fall darf jemand ausscheren, sonst geht der Zirkus von vorne los.
Puh, jetzt, wo mir überschlags-mäßig eine Zahl der zu instruierenden Personen vorschwebt, scheint mir der Plan doch nicht mehr so sicher, hunderte Zeugen einweisen, nein, das schaffen wir nicht einmal gemeinsam. Und vielleicht ist doch einer dabei, der zu ihm noch ein bisschen Loyalität hegt. Dann war alles wieder umsonst. Auweh, nein ist wahrscheinlich doch nicht machbar.
Dann machen wir es doch weiter, wie bisher!
Ich rede ihm ein, er bildet sich das alles eh nur ein, bei Bedarf such ich halt irgendeinen Sündenbock, oder geh gleich in die Gegenoffensive und greif ihn frontal an. Da gibts eh genug wunde Punkte, und der ist eh so empfindlich.
Und Du sorgst weiter dafür, dass er möglichst mit niemandem zusammentrifft, der ihn auf dem Foto gesehen hat. Ja, das wird das Beste sein. bis er irgendwann aufhört. Dann sehen wir weiter, oder was meinst Du? HastDueinebessereIdee?
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